Stellungsnahme des Loro Parque zum Bericht „Behind the Smile“ von der Organisation World Animal Protection

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Im Oktober 2019 veröffentlichte die Organisation World Animal Protection den Bericht „Behind the smile: the multi-billion dollar dolphin entertainment industry“, der das Ende der Delfinindustrie fordert. Ihr zentrales Argument für die Forderung der Schließung aller Delfinarien ist, dass die Delfine in den Delfinarien leiden. Der Bericht enthält allerdings keinerlei wissenschaftliche Beweise zur Untermauerung dieser Anschuldigung. Da sie es nicht schafft, ihren Hauptanklagepunkt zu begründen, können die Schlussfolgerungen und Forderungen des gesamten Berichts als hinfällig angesehen werden.

Der Bericht verwendet irreführende Aussagen, wie z.B. „Weltweit werden Waltiere – Delfine, Wale und Tümmler – gefangen oder in Gefangenschaft gezüchtet, um in Tourismusanlagen zur Unterhaltung eingesetzt zu werden“. Diese Aussage ist nicht wahr, insbesondere wenn es um europäische Delfinarien geht. Die Mehrheit (über 75%) der in den Parks der European Association for Aquatic Mammals (EAAM) lebenden Delfine wurde in menschlicher Obhut geboren[1]. Die anderen Tiere gehören zum Anfangsbestand, der vermutlich bereits in den 1960er Jahren aufgenommen wurde. Seit 2003 hat kein EAAM-Park mehr einen Delfin aus freier Wildbahn geholt.

EAAM-Institutionen tragen durch Züchtung und kooperativen Austausch erfolgreich dazu bei, den Delfinbestand in menschlicher Obhut zu vergrößern. Das Importieren von Delfinen aus der Wildnis ist jedoch nicht verboten. CITES erlaubt den Import/Export von Tümmlern, einschließlich von Delfine aus freier Wildbahn, wenn die exportierende Regierung der Ansicht ist, dass der Export dem Überleben der Arten in freier Wildbahn nicht schadet. Die Europäische Union schreibt strengere Maßnahmen für alle Wale und Delfine vor, jedoch ist der Import für nichtkommerzielle Zwecke wie Forschung, Ausbildung und Zucht, die zum Schutz der betreffenden Arten beitragen, zulässig.

In dem Bericht heißt es auch, dass „Delfine und andere Wale von ihrer traumatischen Gefangennahme in freier Wildbahn bis zur Zucht in Gefangenschaft sehr stark unter äußerst mangelhaften Bedingungen leiden“, was absolut falsch ist, da die überwiegende Mehrheit der in menschlicher Obhut lebenden Delfine in Delfinarien geboren wurde und sie keine Erfahrung im Meer gesammelt haben. Der Bericht enthält außerdem keine wissenschaftlichen Beweise, die diese Aussage stützen.

Ein weiteres Argument das im Bericht angeführt wird, ist, dass „die Haltung von Delfinen in Gefangenschaft zur Unterhaltung keinen echten Mehrwert für den Naturschutz und nur einen geringen Bildungsnutzen bietet“. Die Shows mit Delfinen und Orcas vermitteln pädagogische Elemente, auch wenn nicht alle Inhalte zu Bildungszwecken dienen. Durch sie soll die Aufmerksamkeit des Publikums gewonnen, das keine oder wenig Vorkenntnisse über die Tiere hat. Das Hauptziel der Shows ist es daher, Empathie zu wecken und so eine Verbindung zwischen den Arten und den Besuchern herzustellen.

Der Bericht enthält ein spezielles Kapitel mit dem Titel „Delfin leidet für Unterhaltungszwecke“, in dem man erwartet, alle Argumente zu finden, die die Annahme unterstützen, dass Delfine leiden, nur weil sie sich in Gefangenschaft befinden. Tatsächlich enthält das Kapitel allerdings nur eine Sammlung von Spekulationen ohne wissenschaftlichen Hintergrund.

In diesem Kapitel heißt es zum Beispiel: „In der freien Wildbahn haben Arten wie Tümmler oft Lebensräume von mehr als 100 Quadratkilometern Fläche, wobei die Größe der Gebiete stark variiert. Einige Populationen haben Heimatreviere von durchschnittlich mehr als 400 Quadratkilometern“. Die Autoren scheinen zu glauben, dass Waltiere Hunderte von Meilen schwimmen, weil sie ein physiologisches Bedürfnis danach haben. Das ist aber nicht der Fall, sie tun es nur aufgrund der Notwendigkeit, Nahrung zu beschaffen. Wenn sie in der Lage sind, in einem kleinen, flachen Gebiet Nahrung zu finden, bleiben sie an der gleichen Stelle und verzichten für längere Zeit auf tiefe Tauchzüge. Dies wurde bei Orcas nachgewiesen, die mit Satellitensendern in der Straße von Gibraltar beobachtet wurden, wo die Tiere auf kleinem Raum reichlich Nahrung finden und nicht mehr als 10 Meilen pro Tag zurücklegten[2],[3].

Mit diesem Argument wollen sie uns glauben machen, dass Waltiere aus Vergnügen 100 Meilen am Tag schwimmen, und, falls sie nur 50 Meilen schwimmen, seien sie nur halb so glücklich. Wenn ein Delfin Nahrung finden kann, indem er 50 Meilen an einem Tag schwimmt, anstatt 100 zu schwimmen, so weiß man nicht, ob er nur halb so glücklich ist oder nicht. Sicherlich hat er aber nur die Hälfte der Energie verbraucht. Diese Energie kann dafür zum Schutz der Nachkommen eingesetzt werden.

Der Bericht greift zudem die maximale Tauchfähigkeit, die bei einem Delfin gemessen wurde, auf und erklärt: „Wenn man die natürlichen Lebensräume der wildlebenden Delfine mit den winzigen Becken vergleicht, die ihnen in Gefangenschaft zur Verfügung stehen, ist es offensichtlich, dass es unmöglich ist, angemessene Bedingungen zu gewährleisten“. In zoologischen Anlagen spiegeln die Tiefenabmessungen der Becken für Tümmler die Dimensionen der Buchten und Mündungen wider, in denen sie sich typischerweise aufhalten. Die Tauchzüge von Tümmlern dauern in der Regel 20 bis 40 Sekunden. Die Tiefe der Tauchzüge hängt von dem Lebensraum ab, in dem sich die Delfine befinden.

Große Tümmler kommen in der Regel in Buchten, im Tidewasser und an zum Meer hin offenen Stränden vor, oft in Tiefen von 3 Metern oder weniger. Delfine können zwar länger und tiefer tauchen, wenn sie sich gezwungen sehen, Futter zu suchen oder sich vor Raubtieren zu schützen. Sie müssen dies jedoch nicht unbedingt tun, wenn diese Faktoren fehlen[4],[5]. Darüber hinaus ist die Tiefe der Becken nur einer der vielen Faktoren, die das Wohlbefinden von Delfinen beeinflussen können, sie ist aber nicht als einziger Faktor entscheidend. Andere Arten, wie Orcas, tauchen nicht tiefer, wenn sie auch die Möglichkeit haben auf ein paar Dutzend Meter Nahrung zu finden. Daten von Markern mit Tiefensensoren zeigen, dass sie nur in die Tiefe tauchen, um ihre Beute zu fangen, während der Rest ihrer Tauchzüge in geringeren Tiefen von bis zu 20 m stattfinden.[6]

Was die Wasserqualität betrifft, so behauptet der Bericht der Organisation World Animal Protection: „Wasseraufbereitungsmethoden wie Ozonierung und Chlorierung werden in den Becken der Delfine eingesetzt. Diese sorgen für die nötige Klarheit des Wassers, damit die Besucher die Tiere gut sehen können, und neutralisieren die Bakterien von großen Mengen tierischer Abfallprodukte. Die Verwendung solcher aggressiven Chemikalien kann zu einer Reihe von Gesundheitsproblemen führen, insbesondere an den Augen und auf der Haut“. Diese Behauptung ist wieder eine reine Spekulation, die nicht durch wissenschaftliche Daten belegt ist. Die Produkte, die eingesetzt werden (wie Chlor und Ozon), um die Vermehrung von Bakterien im Wasser zu reduzieren, haben bei richtiger Anwendung keinen Einfluss auf die Tiere. Wenn Chlor aus dem Meerwasser selbst extrahiert wird (z.B. mit Maschinen wie im Loro Parque), stammt das Chlor aus natürlichem Meerwasser und es ist nicht notwendig, Chemikalien zur Wasserreinigung hinzuzufügen. Wildlebende Delfine sind Krankheitserregern ausgesetzt, die verschiedenste Hautprobleme verursachen können, die wesentlich dramatischer und schmerzhafter sein können als jede Hautveränderung in einem Delfinarium. Wenn Haut- und Augenprobleme in Delfinarien wirklich so häufig auftreten würden, sollte der Bericht nach Hunderten von Delfinarium-Besuchen weltweit Bilder zur Veranschaulichung des Arguments vorlegen. Aber es gibt kein einziges Bild von Gesundheitsproblemen bei Delfinen in menschlicher Obhut, was eindeutig zeigt, dass die ganze Argumentation nicht stichhaltig ist.

Der Bericht enthält außerdem eine Aussage zu den negativen Auswirkungen von Lärmbelastung in den Delfinarien: „Stress durch Lärmbelastung ist ein Problem für in Gefangenschaft lebende Delfine. Häufig befinden sich ihre Becken in der Nähe von lauten Geräuschquellen, wie z.B. Lautsprechern, aus denen bei Auftritten Musik dröhnt.“ Auch diese Aussage ist falsch. Der Klang der Musik wird zum Großteil von der Wasseroberfläche reflektiert und es wurde nachgewiesen, dass die Auswirkungen unter Wasser vernachlässigbar sind.[7] Tatsächlich zeigen die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse auch, dass bei richtiger Isolierung die Geräusche der Pumpen nicht in die Becken gelangen. Die kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Studie[8], die die Unterwasserlärmbelastung von 14 Delfinarien in den USA vergleicht, belegt mit Schallmessungen, dass in Waltier-Becken der Lärmpegel mit der Lärmbelastung im Meer unter normalen Bedingungen (mit geringer menschlicher Einwirkung) vergleichbar ist. In Meeresgebieten, in denen die menschliche Aktivität sehr ausgeprägt ist, ist die Lärmbelastung wesentlich höher und tatsächlich wurden Veränderungen im Stimmverhalten von Delfinen, Orcas und Belugawalen im Zusammenhang mit lauten menschlichen Aktivitäten wie dem Whale Watching beschrieben.[9],[10], [11], [12]

Der Bericht enthält auch eine detaillierte Erklärung über die Intelligenz der Delfine, einschließlich Details über die Verwendung von Signaturpfiffen (beschrieben und bestätigt durch im Zoo lebende Delfine), die mögliche Informationsübertragung durch Geräusche (nachgewiesen bei vielen anderen Arten wie z.B. Vögeln, Fledermäusen, Fröschen, Grillen usw.), die Fähigkeit, Ereignisse zu planen (auch bei anderen Arten wie Vögeln bekannt) und auch über die Fähigkeit zur Selbsterkennung im Spiegel. Die Autoren heben das Phänomen der Selbsterkennung im Spiegel hervor und erklären, dass es schon früher als bei Menschenkindern auftritt. Sie fügen aber nicht hinzu, dass genau diese Spiegel-Selbsterkennung auch bei anderen Arten, zum Beispiel Elstern oder sogar Ameisen, nachgewiesen wurde. Daher sind sich Neurologen nicht einig darüber, ob die Intelligenz eines Delfins mit der eines Menschen vergleichbar ist, nur weil sie den Spiegeltest bestehen. Andernfalls sollten sie zugeben, dass Elstern oder Ameisen auch so clever sind wie dreijährige Kinder. Das Ziel dieser detaillierten Beschreibung der Intelligenz der Delfine hat eine klare Motivation, die das Argument unterstützen soll, dass „das hohe Maß an Intelligenz, das Tümmler und andere Walarten zeigen, ihre Gefangenschaft und ihren Einsatz zu Unterhaltungszwecken höchst unmoralisch macht“. Diese Aussage kann jedoch durch die Tatsache entkräftet werden, dass viele andere Arten wie Frösche, Grillen, Papageien, Elstern oder Ameisen die gleichen Kognitionstests bestanden haben. Auf der anderen Seite gibt es unter Experten für Wohlbefindensfragen eine Debatte über den Einfluss der „Intelligenz“ auf die Anpassung an die Zooumgebung. Einige Experten behaupten, dass ein hohes kognitives Niveau ein positiver Faktor für die Anpassung an die Gefangenschaft sein könnte. Im Moment gibt es jedoch keine wissenschaftlichen Beweise, die eine der beiden Hypothesen stützen könnten.

In Bezug auf Stress, hervorgerufen durch die Verhaltenseinschränkung der Waltiere, heißt es im Bericht: „In winzigen, grauen Betonbecken gehalten, wird den Delfinen die Bewegungsfreiheit und die Fähigkeit, natürliche Verhaltensweisen auszuführen, genommen“. Diese Aussage ist nicht ganz richtig, da die Delfine viele natürliche Verhaltensweisen ausüben können (wie Schwimmen, Kopulieren, Entbindung, Pflege und Fütterung von Kälbern, Echoortung und Pfeifen). Es besteht große Einigkeit in der Tierschutzgemeinschaft, dass die Tiere nicht ihr gesamtes Verhaltensrepertoire ausdrücken müssen, um sich in einem guten Allgemeinzustand zu befinden. Von einem Raubtier angegriffen zu werden, vor Bedrohungen zu fliehen oder von einem anderen Delfin getötet zu werden, sind natürliche Verhaltensweisen, die eindeutig nicht notwendig für ein gutes Wohlbefinden sind. So liegt es auf der Hand, dass nicht alle Verhaltensweisen mit dem Wohlbefinden zusammenhängen, sondern nur einige wesentliche. Wie sich die jeweiligen Verhaltensweisen auf das Wohlbefinden auswirken, sollte durch geeignete ethologische Beobachtungen auf Grundlage von wissenschaftlichen Methoden unterstützt werden, nicht durch unbegründete Spekulationen.

Der Bericht der Organisation erklärt außerdem: “ In Gefangenschaft bestehen Gruppen in der Regel nur aus zwei bis vier Delfinen pro Becken. Das ist viel weniger als die Durchschnittsgröße in freier Wildbahn und hat vermutlich Auswirkungen auf das Sozialverhalten.“ Dies ist eine sehr vage Aussage, vor allem angesichts der Tatsache, dass die Autoren eine Liste der besuchten Einrichtungen mit der Anzahl der gehaltenen Delfine vorweisen können. Jeder kann überprüfen, dass nur 28% der Einrichtungen Delfine in Gruppen von 4 oder weniger Tieren halten. Das bedeutet, dass 72% der Einrichtungen die Tiere in größeren Gruppen halten, was eindeutig im Widerspruch zu ihrer eigenen Aussage steht. Wenn die Mehrheit der Einrichtungen Gruppen von mehr als 5 Tieren h,ält sollte das Sozialverhalten nicht beeinträchtigt werden. Die Autoren schreiben in ihrem Bericht „Unsere Recherche hat 233 Delfinarien mit 1.770 Delfinen identifiziert“, wenn daraus die durchschnittliche Anzahl der Delfine pro Standort berechnet wird, beträgt der Wert 7,6, was ebenfalls ihrer Behauptung widerspricht, dass die Gruppen in der Regel aus nur zwei bis vier Delfinen bestehen.

In Bezug auf stressbedingte Aggressionen macht der Bericht eine kuriose Aussage: „Delfine beißen sich gegenseitig in freier Wildbahn um die soziale Hierarchie zu bestimmen. Bei den meisten Säugetieren bleibt die Hierarchie jedoch relativ stabil, sobald diese einmal festgelegt ist, was eine wiederholte Aggression reduziert.“ Diese Aussage wird jedoch genauso wenig durch wissenschaftliche Beweise gestützt. Im Gegenteil, es ist bekannt, dass Delfine in einer „Fission-Fusion“-Gesellschaft leben, in der sich die Hierarchie ändert und ständig in Frage gestellt wird. Kratzer und Schrammen, sogenannte Rake Marks, sind bei Delfinen ziemlich häufig. Es wurde ermittelt, dass über 60% der Tiere sie haben[13] (die restlichen 40% sind in der Regel Jungtiere). Sie sind so verbreitet, dass sie von einigen Forschern verwendet wurden, um Individuen zu identifizieren oder sogar das unterschiedliche Aggressionspotential nach Geschlecht zu bewerten[14],[15].

Die Autoren berichten auch, dass „Verletzungen durch  Bisse in Gefangenschaft manchmal tödlich verliefen“, erklären aber nicht, dass dies nur einmal in den 80er Jahren und danach nie wieder passiert ist. Auch wenn eine offene Wunde das Eindringen von Krankheitserregern in den Blutkreislauf von Walen und Delfinen begünstigen kann, stellt dies nur in verunreinigten Gewässern eine Gefahr dar. Die tägliche hygienische Kontrolle des Wassers in den Delfinarien (in Spanien wird die Wasserqualität in den Delfinarien 50-mal mehr kontrolliert als das Schwimmbadwasser für den menschlichen Gebrauch) macht dieses Risiko vernachlässigbar. Die Ursache für den Tod des Delfins war eine Infektion mit Clostridium perfringens. Das Vorhandensein dieser pathogenen Bakterienart wird seit 1978 regelmäßig überwacht[16].

Der Bericht betont auch die Tatsache, dass „die Auffassung, dass die Anlagen mit Delfinen in Gefangenschaft für wilde Delfinpopulationen von Wert sind, irreführend ist „, da der Große Tümmler nicht gefährdet ist. Und „Keine Zoos oder Aquarien betreiben derzeit Zuchtprogramme in Gefangenschaft, die darauf abzielen, wilde Waltier-Populationen zu vermehren“. Natürlich setzen Zoos und Aquarien keine Tümmler frei, weil dies gegen die Vorschriften der Internationalen Naturschutzunion verstößt, da dadurch die freilebenden Populationen von Delfinen gefährdet würden. Dennoch liefert die Zucht von Großen Tümmlern oder gar Orcas in menschlicher Obhut Wissen und Erfahrungen, die notwendig sein werden, um stark gefährdete Waltierarten in den nächsten Jahrzehnten zu retten. Die Vaquita (Kalifornischer Schweinswal), eine vom Aussterben bedrohte Schweinswalart, ist das beste Beispiel dafür, wie wichtig dieses Wissen und diese Kompetenz ist. Als der letzte verzweifelte Versuch unternommen wurde, eine Zuchtgruppe für den Erhalt der Art zu schaffen, waren die beteiligten Experten Mitarbeiter von Zoos und Aquarien. Leider kam für die Vaquita jede Hilfe zu spät, aber das Überleben der nächsten stark gefährdeten Waltierarten wird wesentlich von der Erfahrung aus der Arbeit mit Delfinen abhängen.

Was die wissenschaftliche Forschung betrifft, so behauptet der Bericht, dass „Veranstaltungsorte mit Delfinen sich in der Regel auf Themen, die dazu dienen, Probleme ihrer Branche zu lösen, anstatt auf den Naturschutz oder den Tierschutz konzentrieren“, was völlig falsch ist. Als Beispiel enthält der Anhang I 324 wissenschaftliche Veröffentlichungen, die auf der Grundlage der Forschung mit Waltieren in menschlicher Obhut von Mitgliedern der European Association for Aquatic Mammals (Europäischen Vereinigung für Wassersäugetiere) verfasst wurden.

Die Autoren erwähnen auch „die Verhaltensforschung, insbesondere bei Exemplaren in Gefangenschaft, ist aufgrund der Einschränkungen für die Waltiere, wie z.B. durch kleine Beckengrößen und künstliche soziale Gruppierungen, fragwürdig. Diese Einschränkungen beeinträchtigen ihr natürliches Verhalten und führen zu Verzerrungen der Forschungsstudien.“ Das ist absolut unsinnig, die experimentellen Modelle werden von Forschern verschiedener Universitäten weltweit erstellt und die Ergebnisse werden in Peer-Review-Zeitschriften veröffentlicht, was die wissenschaftliche Qualität unter Beweis stellt.

Bezüglich der Vergleichbarkeit der Gesundheit von wildlebenden und der von in Gefangenschaft lebenden Delfinen behaupten die Verfasser: „Beim Vergleich der Gesundheit von wildlebenden und in Gefangenschaft lebenden Delfinen haben Studien deutliche Unterschiede gezeigt. Frei lebende Tümmler (Tursiops truncatus) in Florida scheinen ein geringeres Risiko für die Entwicklung des metabolischen Syndroms und der Insulinresistenz zu haben, als ihre in Gefangenschaft lebenden Artgenossen“. Dies ist ein klarer Fall von „Cherry Picking“, bei dem nur die wissenschaftlichen Ergebnisse verwendet werden, die ihre eigenen Vorstellungen stützen. Daher schließen die Verfasser keine der anderen wissenschaftlichen Arbeiten ein, die von demselben Forschungsteam erstellt wurden, in denen sie die gleichen Delfingruppen vergleichen und zu Schlussfolgerungen kommen, die die These von einem besseren Wohlbefinden von Delfine in freier Wildbahn nicht unterstützen. Tatsächlich zeigen die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass das Immunsystem von wildlebenden Delfinen aus einer Küstenpopulation deutliche Anzeichen von Stress durch gesundheitliche Belastung aufweist, im Gegensatz zu einer Gruppe von Tieren, die in einem zertifizierten Zoo lebt.[17] Dies ist ein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass Delfine in der Natur unter mehr Krankheiten und Pathologien leiden als in menschlicher Obhut lebende Delfine, wie es allein schon deshalb zu erwarten ist, weil Delfinarien über professionelle tierärztliche Dienste verfügt, die sich um die Gesundheit der Tiere kümmern.

Der Bericht enthält auch Informationen über die Ernährung der Waltiere in menschlicher Obhut, die aus der Sicht der Autoren die Ursache für die „Gesundheitsprobleme der gefangenen Delfine“ ist, da diese oft aus „einer eingeschränkten Ernährung mit gefrorenem und wieder aufgetautem Fisch in einigen wenigen großen Mahlzeiten“ besteht. Meinung der Autoren ist: „Ihre wildlebenden Artgenossen nehmen, wie man herausgefunden hat, allerdings nur bei Bedarf kleine Mengen verschiedener Fischarten zu sich.“ Das ist ein idealisiertes Konzept der Natur, da wildlebende Delfine nicht bei Bedarf Fisch fressen, sondern nur dann, wenn sie die Chance haben, welchen zu fangen. Das bedeutet, dass sie zu einigen Tageszeiten viel Fisch verzehren können und aber vielleicht mehrere Tage lang hungern, wenn die Bedingungen nicht optimal sind. Dieses Unregelmäßigkeit im Fütterungssystem nachahmen zu wollen, erscheint weder vernünftig noch positiv für das Wohlbefinden der Delfine.

Bezüglich der Qualität der Nahrung erklären die Autoren: „Gefrorener und dann aufgetauter Fisch ist die Hauptkomponente der Ernährung von in Gefangenschaft lebenden Waltieren, diese Fische sind allerdings von geringerem Nährwert als lebendiger Fisch“. Das ist eine klare Übertreibung. Der Nährwertunterschied von frischem und gefrorenem Fisch ist wirklich subtil. Gefrorener Fisch enthält nur minimal weniger Vitamine, die aber leicht ergänzt werden können.  Es versteht sich von selbst, dass Delfine in freier Wildbahn keine Nahrungsergänzungsmittel erhalten müssen, aber beim Verzehr von frischem Fisch sind sie Parasiten ausgesetzt, die in gefrorenem Fisch nicht vorkommen. Parasitenbefall ist bei wildlebenden Tieren weit verbreitet und führt zu einer Vielzahl von Krankheiten und schwerem Leid. Es erscheint sinnvoll, dieses Leiden den Delfinen in menschlicher Obhut zu ersparen, wenn das einzig Ungewöhnliche dabei ein Vitaminpräparat ist.

Ein weiteres altmodisches Argument, das im Bericht zu finden ist, sind Zahnschäden: „Gelangweilt und frustriert von ihrer Gefangenschaft, nagen die Waltiere beharrlich mit den Zähnen an dem Beton der Becken oder beißen auf Metallstäbe zwischen den Becken und runieren sich so die Zähne. Dieses Muster sich wiederholender abnormaler Verhaltensweisen – eine Stereotypie – führt dazu, dass Zähne abbrechen und sich bis aufs Zahnfleisch abnutzen. Das ist bei wildlebenden Waltieren nicht zu beobachten.“ Diese Aussage ist völlig falsch. Es gibt viele dokumentierte Fälle von Zahnschäden in freier Wildbahn und zwar aus verschiedenen Gründen (abrasive Nahrung, Manipulation von abrasiven Gegenständen usw.). Es gibt keine einzige wissenschaftliche Studie, die Zahnschäden bei Waltieren in Zusammenhang mit Langeweile bringt. Bei Waltieren haben Zähne in der Regel nur eine sehr begrenzte Funktion in der Lebensmittelverarbeitung, wie können also gebrochene Zähne das Wohlergehen eines Tieres beeinträchtigen? Wenn der gebrochene Zahn keine Schmerzen, Entzündungen oder Infektionen verursacht, gibt es keine signifikanten Auswirkungen auf das Wohlbefinden des Tieres. Außerdem ist es nicht wahr, dass diese Schäden bei freilebenden Waltieren nicht zu finden sind. Die Abnutzung der Zähne ist nicht nur ein Problem von in Gefangenschaft lebenden Orcas oder Delfinen, es gibt viele Beispiele von frei lebenden Orcas, die ihre Zähne bis zum Zahnfleisch abgenutzt haben[18],[19]. Während die Zähne von Orcas in Gefangenschaft oft beschädigt sind, verhindern eine strenge tierärztliche Kontrolle und tägliche Zahnhygiene Entzündungen, Infektionen und Schmerzen. Bei wildlebenden Orcas gibt es keine Möglichkeit, Entzündungen und Infektionen zu kontrollieren, was vermutlich zu einem schmerzhaften Prozess führt.

Der Bericht ist voller Widersprüche, aber wenn er über die Lebenserwartung und die Sterblichkeitsrate spricht, erreicht er sein Höchstmaß an Falschheit. Die Autoren erkennen an, dass „Studien im Laufe der Zeit Verbesserungen bei den Sterblichkeitsraten von in Gefangenschaft lebenden Tümmler gezeigt haben“ und behaupten gleichzeitig, dass „die Delfine nicht wesentlich länger leben als ihre in freier Wildbahn lebenden Artgenossen“. Das ist absoluter Unsinn, denn eine niedrigere Sterblichkeitsrate bedeutet ein längeres Leben. Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse machen deutlich, dass Delfine in menschlicher Obhut eine geringere Sterblichkeitsrate haben und länger leben.[20],[21],[22],[23],[24]

Am Ende des Berichts stellen die Verfasser fest: „Letztendlich kann jedoch die Sterblichkeitsrate von in Gefangenschaft lebenden Waltieren – ob sie sich nun verbessert hat oder vergleichbar ist mit einigen geschwächten wilden Populationen – nie eine Rechtfertigung dafür sein, sie in Gefangenschaft zu halten. Ein langes Leben in einem winzigen, kahlen Gehege ist kein gutes Leben.“ Die Tatsache, dass Delfine in menschlicher Obhut länger leben, ist unbestreitbar, auch wenn sie es nicht gerne wahrhaben wollen. Was die Verfasser nicht verstehen, ist, dass die Tatsache, dass Delfine in menschlicher Obhut länger leben, nicht als Rechtfertigung dafür dient, sie in Delfinarien zu halten. Diese Tatsache ist der endgültige Beweis dafür, dass Waltiere in menschlicher Obhut nicht leiden. Denn sie wären nicht in der Lage, ihre wildlebenden Artgenossen zu überleben, wenn die tragischen Geschichten von einem Leben voller Stress und Leid wahr wären. Dies ist also der Beweis dafür, dass die Waltiere in menschlicher Obhut nicht leiden.

Abschließend lässt sich sagen, dass dieser Bericht ein klarer Beweis dafür ist, dass die „Forscher“, die die Delfinarien begutachtet haben, nicht über die notwendige Fachkompetenz verfügten, um die tatsächliche Situation richtig beurteilen zu können. In ihrem Bericht heißt es: „Im Loro Parque auf Teneriffa tragen Mitarbeiter, die im Wasser mit Delfinen arbeiten, d.h. zu ihnen ins Wasser gehen, für den Notfall eine Tauchflasche mit  komprimierter Luft für 5 Minuten bei sich.“ Diese Aussage ist schlichtweg falsch. Die Delfin-Trainer im Loro Parque haben noch nie eine solche Sicherheitsausrüstung getragen. Das einzige Personal, das diese Art Sicherheitsausrüstung trägt, sind die Orca-Trainer, und das nicht, weil sie Arbeiten im Wasser durchführen, sondern nur für den Fall, dass sie zufällig in eines der Becken fallen sollten. Wenn die in die Parks entsandten Beobachter nicht mal zwischen einem Delfin und einem Orca unterscheiden können, ist es offensichtlich, dass die Schlussfolgerungen des Berichts ebenso wenig brauchbar sind.

Annex I
List of scientific publications produced from research with cetaceans under human care
Lima, A., Sébilleau, M., Boye, M., Durand, C., Hausberger, M., & Lemasson, A. (2018). Captive bottlenose dolphins do discriminate human-made sounds both underwater and in the air. Frontiers in Psychology, 9(JAN). https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00055
Abramson, J. Z., Hernández-Lloreda, M. V., García, L., Colmenares, F., Aboitiz, F., & Call, J. (2018). Imitation of novel conspecific and human speech sounds in the killer whale ( Orcinus orca ). Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 285(1871), 20172171. https://doi.org/10.1098/rspb.2017.2171
Clegg, I. L. K., & Delfour, F. (2018). Can We Assess Marine Mammal Welfare in Captivity and in the Wild? Considering the Example of Bottlenose Dolphins. Aquatic Mammals, 44(2), 181–200. https://doi.org/10.1578/AM.44.2.2018.181
Clegg, I. L. K., Rödel, H. G., Cellier, M., Vink, D., Michaud, I., Mercera, B., … Delfour, F. (2017). Schedule of human-controlled periods structures bottlenose dolphin (tursiops truncatus) behavior in their free-time. Journal of Comparative Psychology, 131(3), 214–224. https://doi.org/10.1037/com0000059
Harvey, B. S., Dudzinski, K. M., & Kuczaj, S. A. (2017). Associations and the role of affiliative, agonistic, and socio-sexual behaviors among common bottlenose dolphins (Tursiops truncatus). Behavioural Processes, 135. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2016.12.013
Clegg, I. L. K., Van Elk, C. E., & Delfour, F. (2017). Applying welfare science to bottlenose dolphins (Tursiops truncatus). Animal Welfare, 26(2), 165–176. https://doi.org/10.7120/09627286.26.2.165
Abramson, J. Z., Hernández-Lloreda, M. V., Esteban, J. A., Colmenares, F., Aboitiz, F., & Call, J. (2017). Contextual imitation of intransitive body actions in a Beluga whale (Delphinapterus leucas): A “do as other does” study. PLoS ONE, 12(6). https://doi.org/10.1371/journal.pone.0178906
Dolphin, B., Clegg, I. L. K., Rödel, H. G., Cellier, M., Vink, D., Michaud, I., … Böye, M. (2017). Schedule of Human-Controlled Periods Structures Bottlenose Dolphin. Journal of Comparative Psychology (Washington, D.C.: 1983).
Serres, A., & Delfour, F. (2017). Environmental changes and anthropogenic factors modulate social play in captive bottlenose dolphins (Tursiops truncatus). Zoo Biology, 36(2), 99–111. https://doi.org/10.1002/zoo.21355
Clegg, I. L. K., Rödel, H. G., & Delfour, F. (2017). Bottlenose dolphins engaging in more social affiliative behaviour judge ambiguous cues more optimistically. Behavioural Brain Research, 322. https://doi.org/10.1016/j.bbr.2017.01.026
Lima, A., Lemasson, A., Boye, M., & Hausberger, M. (2017). Vocal activities reflect the temporal distribution of bottlenose dolphin social and non-social activity in a zoological park. Zoo Biology, 36(6), 351–359. https://doi.org/10.1002/zoo.21387
Levengood, A. L., & Dudzinski, K. M. (2016). Is blood thicker than water? The role of kin and non-kin in non-mother-calf associations of captive bottlenose dolphins (Tursiops truncatus). Behavioural Processes, 124, 52–59. https://doi.org/10.1016/j.beproc.2015.12.005
Melero, M., Giménez-Lirola, L. G., Rubio-Guerri, C., Crespo-Picazo, J. L., Sierra, E. E., García-Párraga, D., … Sánchez-Vizcaíno, J. M. (2016). Fluorescent microbead-based immunoassay for anti-Erysipelothrix rhusiopathiae antibody detection in cetaceans. Diseases of Aquatic Organisms, 117(3), 237–243. https://doi.org/10.3354/dao02948
Wright, A., Scadeng, M., Stec, D., Dubowitz, R., Ridgway, S., & Leger, J. St. (2016). Neuroanatomy of the killer whale (Orcinus orca): a magnetic resonance imaging investigation of structure with insights on function and evolution. Brain Structure and Function, 1263(May), 1256–1263. https://doi.org/10.1007/s00429-016-1225-x
Wisniewska, D. M., Teilmann, J., Hermannsen, L., Johnson, M., Miller, L. A., Siebert, U., & Madsen, P. T. (2016). Quantitative measures of anthropogenic noise on harbor porpoises: Testing the reliability of acoustic tag recordings. In Advances in Experimental Medicine and Biology (Vol. 875, pp. 1237–1242). https://doi.org/10.1007/978-1-4939-2981-8_155
Frasier, K. E., Elizabeth Henderson, E., Bassett, H. R., & Roch, M. a. (2016). Automated identification and clustering of subunits within delphinid vocalizations. Marine Mammal Science, 32(3), 911–930. https://doi.org/10.1111/mms.12303
Neto, M. P., Silveira, M., & dos Santos, M. E. (2016). Training bottlenose dolphins to overcome avoidance of environmental enrichment objects in order to stimulate play activities. Zoo Biology, 35(3), 210–215. https://doi.org/10.1002/zoo.21282
Lucke, K., Popper, A. N., Hawkins, A. D., Akamatsu, T., André, M., Branstetter, B. K., … Aran Mooney, T. (2016). Auditory sensitivity in aquatic animals. The Journal of the Acoustical Society of America, 139(6), 3097–3101. https://doi.org/10.1121/1.4952711
Branstetter, B. K., DeLong, C. M., Dziedzic, B., Black, A., & Bakhtiari, K. (2016). Recognition of Frequency Modulated Whistle-Like Sounds by a Bottlenose Dolphin (Tursiops truncatus) and Humans with Transformations in Amplitude, Duration and Frequency. PLOS ONE, 11(2), e0147512. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0147512
Smith, H., Frère, C., Kobryn, H., & Bejder, L. (2016). Dolphin sociality, distribution and calving as important behavioural patterns informing management. Animal Conservation. https://doi.org/10.1111/acv.12263
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Ravignani, A., Fitch, W. T., Hanke, F. D., Heinrich, T., Hurgitsch, B., Kotz, S. a, … De Boer, B. (2016). What pinnipeds have to say about human speech, music, and the evolution of rhythm. Frontiers in Neuroscience, 10(July), 274. https://doi.org/10.3389/FNINS.2016.00274
King, S. L., Guarino, E., Donegan, K., Hecksher, J., & Jaakkola, K. (2016). Further insights into postpartum signature whistle use in bottlenose dolphins ( Tursiops truncatus ). Marine Mammal Science. https://doi.org/10.1111/mms.12317
Izidoro, F. B., & Le Pendu, Y. (2016). Rostrum Contact Behaviors by the Guiana Dolphin (Sotalia guianensis) in Ilhéus, Brazil. Aquatic Mammals, 42(2), 203–209. https://doi.org/10.1578/AM.42.2.2016.203
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